Am Ende meines Studiums wollte ich für ein Praktikum ins Ausland. Beim Bewerbungsgespräch in einem renommierten Architekturbüro in Rotterdam zeichnete mir der Architekt, der mit mir das Gespräch alleine führte, eine Pyramide auf. Ganz oben einen Kopf, darunter zwei, darunter drei usw. bis ganz nach unten zu einer aus sehr vielen Köpfen bestehenden Basis. Einen davon umkreiste er und sagte: "Das bist Du und Du wirst nichts zu sagen haben. Kommst Du damit klar oder rufst Du nach zwei Wochen weinend deine Mama an, weil Du zurück nach Hause willst?" Ich antwortete völlig unbeeindruckt: "Ich komme damit klar." Denn genau das hatte ich im Studium gelernt: Emotionen unterdrücken, Unrecht herunterschlucken, fleissig und tough sein, schließlich geht es um die heilige Architektur, der ich mich unterordnen muss!



Protestkiosk am Hermannplatz, Fotografie: Sebastian Díaz de León
S_PACE Kollektiv, September 2022.
Kundgebung der Initiative Hermannplatz, Januar 2020. Fotografie: Silke Mayer.
Kurze Zeit später bekam ich die Zusage und sagte ab, um stattdessen nach Kabul zu gehen. Es vergingen mehrere Jahre, in denen ich immer wieder über diesen Moment reflektierte und ihn schließlich als einschneidend für meinen Werdegang verstand. In diesem Moment erschloss sich mir etwas, was sich bis heute in unterschiedlichsten Büro- oder Lehrkonstellationen immer wieder bestätigte: Die Produktion gerechter Räume kann in ungerechten Räumen nicht gelingen. Denn die von rassistischen, klassistischen und sexistischen Paradigmen strukturierte Disziplin "Architektur" reproduziert diese Strukturen im Raum. Und wenn sie lediglich rhetorisch, symbolisch und ästhetisch dagegen steuert, entstehen höchstens schönere Bilder, keine gerechteren Räume.
Die Erfahrung von Unrecht in der Architekturdisziplin ist kein Neben-, sondern ein Hauptschauplatz in der Gestaltung der gebauten Umwelt. Die Ungleichheit in den Architekturbüros ist strukturell und intersektional und sie beeinflusst welche Methoden angewendet werden, aber auch, welche Bedürfnisse gesehen oder ignoriert werden, und letztlich die Entscheidungen, die die einen räumlich benachteiligen während sie die bestehenden Privilegien der anderen untermauern. Sie ist Ursprung von architektonischen Strategien der Legitimierung von räumlicher Ungerechtigkeit und zugleich reproduziert sie diese in der Lehre. Dem Ort, an dem Ungleichheit und Ungerechtigkeit durch diejenigen normalisiert wird, die innerhalb dieser Praxis am Erfolgreichsten sind. Die vorherrschende ästhetisierende Wettbewerbskultur und das Fehlen eines kritischen und forschenden Denkens an Architekturfakultäten lassen sich meiner Überzeugung nach darauf zurückführen, dass die Hauptkriterien für die Besetzung der Entwurfsprofessuren primär darin bestehen, eine umfangreiche Bautätigkeit vorweisen zu können und/oder für gebaute Projekte Preise und mediale Aufmerksamkeit erhalten zu haben. Nun wissen wir alle, dass das alles viel komplizierter ist, und dass es Ausnahmen gibt. Diejenigen zum Beispiel, die die Chance ergreifen, um Dinge in der Lehre anders anzugehen. Aber den Status-Quo bringen diese Ausnahmen leider nicht ins Wanken.
Und so wird fröhlich weitergebaut. Trotz Klimanotstand, trotz Wohnungsfrage und Gentrifizierung, trotz Rechtsruck, trotz Krisen, trotz Kriegen und Konflikten. Vielleicht ein bisschen grüner, vielleicht ein bisschen sozialer, hier und da, und definitiv rhetorisch klüger. Aber das Gros, der Mainstream hat keinen Kurswechsel erfahren, wenn überhaupt, nehme ich ihn angesichts der multiplen Krisen unserer Zeit als immer extremer wahr. Die Forderung einer "Bauwende" ist ein Beispiel hierfür. Es soll ein wenig anders gebaut werden, mehr mit Holz, nachhaltiger, ein bisschen mehr Umbau etc. Ein Teil des Problems wird hervorgehoben, um es zu lösen, während andere Problemstellungen dadurch nachrangig werden und das grundlegende Problem - die Bauindustrie und Immobilienwirtschaft –nicht etwa dezent beiseite geschoben sondern zum Partner erklärt.
Die Forderung nach einem BauENDE hingegen ist radikal und eröffnet wieder Denkräume und Perspektiven, die man sonst übersieht: die des Bestandes - die engen, aufgeheizten Wohnräume, die kommerzialisierten, überwachten Stadträume, die leeren Bürotürme, die Verdrängung und der Rassismus, die Frage der Verwaltung und der Planung. Also den bewohnten/genutzten Raum, in dem sich das Soziale, Politische, Gesellschaftliche, Ökonomische nicht vom Physischen Raum trennen lässt, so viel Uneindeutiges und Unerwartetes zu vermuten ist. Wo alles messy und kompliziert und anders wird, wenn wir uns ihm mit voller Aufmerksamkeit widmen würden.
Nun haben solche Erkenntnisse und Erfahrungen zunächst dazu geführt, dass ich keine Architektin im Sinne einer bauenden oder planenden Architektin geworden bin und mich noch heute eher als Aussenseiterin betrachte. Ich bin aber Architektin im Sinne der Gestaltung von Räumen. Wir haben als Teil eines breiten, gesellschaftlichen Kollektivs dafür gesorgt, dass nicht abgerissen wird, dass Räume und soziale Beziehungen nicht zerstört werden, um Platz zu machen für die Luftschlösser derjenigen, die mich und viele andere nicht als Teil der Praxis sehen möchten. Wir haben im Laufe des Protests einen Samen gepflanzt, einen Protestkiosk, der den Konflikt vor Ort sichtbar macht und langsam Teil des sozialen Gefüges wird. Ich zähle diesen Erfolg am Hermannplatz als eines der ersten architektonischen Projekte, an denen ich mitgearbeitet habe. Auch wenn es ein prekäres Projekt ist, das nie abgeschlossen sein kann. Auch wenn ich das Projekt irgendwann verlasse und andere Leute einsteigen. Es zeigt aber, dass ich architektonische Projekte nie als abgeschlossen ansehe und dass sie weniger mit Bauen als mit einer Gestaltung zu tun haben, die physische und soziale Räume nicht voneinander trennt und durch und durch politisch ist. Denn:
"There is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives"
(Audre Lorde: "Learning from the 60s", in: Sister Outsider, New York, 1984, S.138)
Mit dem Zitat von Audre Lorde bin ich zuerst in aktivistischen Räumen in Berührung gekommen. Für mich hat es eine ganz besondere Bedeutung, weil es sich um eine Erkenntnis handelt, die von Wanderung geprägt ist und mich deswegen auf mehreren Ebenen erreicht und berührt hat. Ich verstehe nicht nur, was sie sagt(e), ich fühle es. Und nicht nur jetzt sondern schon immer und der Moment, indem ich das Zitat hörte, fand ich zum ersten Mal Worte für eine ganz spezifische Erfahrung. Die des Ausschlusses, aufgrund von Mehrfachzugehörigkeit, Komplexität und thematischen Verschränkungen, die die eigene Perspektive und Erfahrung ausmachen, während alles immer auf Reduktion, Klarheit und Eindeutigkeit pocht.
And we do not inhabit single-issue spaces.
Trennung, Reduktion, Eindeutigkeit, Klarheit - alles Paradigmen der Raumproduktion, die dazu führen, dass "single-issue spaces" entstehen. Doch wir leben nicht in monothematischen Räumen, weil wir keine monothematischen Leben führen. Und daher brauchen wir eine intersektionale Praxis und Forschung in der Architektur und Planung. Und der erste Schritt besteht in das Zusammenführen von all dem, was künstlich getrennt wird: sozialem und physischem Raum; Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit; ästhetische Form und gesellschaftliche/politische Praktiken; Gefühle und Vernunft und so weiter! Verweben, verkomplizieren, überlagern, in Beziehung setzen, politisieren ohne Gefühle und Unrechtsbewusstsein zu unterdrücken, wegzuschauen, sondern diese zentrieren und den Mythos der heiligen Architektur zu stürzen.
Am Ende meines Studiums wollte ich für ein Praktikum ins Ausland. Beim Bewerbungsgespräch in einem renommierten Architekturbüro in Rotterdam zeichnete mir der Architekt, der mit mir das Gespräch alleine führte, eine Pyramide auf. Ganz oben einen Kopf, darunter zwei, darunter drei usw. bis ganz nach unten zu einer aus sehr vielen Köpfen bestehenden Basis. Einen davon umkreiste er und sagte: "Das bist Du und Du wirst nichts zu sagen haben. Kommst Du damit klar oder rufst Du nach zwei Wochen weinend deine Mama an, weil Du zurück nach Hause willst?" Ich antwortete völlig unbeeindruckt: "Ich komme damit klar." Denn genau das hatte ich im Studium gelernt: Emotionen unterdrücken, Unrecht herunterschlucken, fleissig und tough sein, schließlich geht es um die heilige Architektur, der ich mich unterordnen muss!



Protestkiosk am Hermannplatz, Fotografie: Sebastian Díaz de León
Kundgebung der Initiative Hermannplatz, Januar 2020. Fotografie: Silke Mayer.
S_PACE Kollektiv, September 2022.
Kurze Zeit später bekam ich die Zusage und sagte ab, um stattdessen nach Kabul zu gehen. Es vergingen mehrere Jahre, in denen ich immer wieder über diesen Moment reflektierte und ihn schließlich als einschneidend für meinen Werdegang verstand. In diesem Moment erschloss sich mir etwas, was sich bis heute in unterschiedlichsten Büro- oder Lehrkonstellationen immer wieder bestätigte: Die Produktion gerechter Räume kann in ungerechten Räumen nicht gelingen. Denn die von rassistischen, klassistischen und sexistischen Paradigmen strukturierte Disziplin "Architektur" reproduziert diese Strukturen im Raum. Und wenn sie lediglich rhetorisch, symbolisch und ästhetisch dagegen steuert, entstehen höchstens schönere Bilder, keine gerechteren Räume.
Die Erfahrung von Unrecht in der Architekturdisziplin ist kein Neben-, sondern ein Hauptschauplatz in der Gestaltung der gebauten Umwelt. Die Ungleichheit in den Architekturbüros ist strukturell und intersektional und sie beeinflusst welche Methoden angewendet werden, aber auch, welche Bedürfnisse gesehen oder ignoriert werden, und letztlich die Entscheidungen, die die einen räumlich benachteiligen während sie die bestehenden Privilegien der anderen untermauern. Sie ist Ursprung von architektonischen Strategien der Legitimierung von räumlicher Ungerechtigkeit und zugleich reproduziert sie diese in der Lehre. Dem Ort, an dem Ungleichheit und Ungerechtigkeit durch diejenigen normalisiert wird, die innerhalb dieser Praxis am Erfolgreichsten sind. Die vorherrschende ästhetisierende Wettbewerbskultur und das Fehlen eines kritischen und forschenden Denkens an Architekturfakultäten lassen sich meiner Überzeugung nach darauf zurückführen, dass die Hauptkriterien für die Besetzung der Entwurfsprofessuren primär darin bestehen, eine umfangreiche Bautätigkeit vorweisen zu können und/oder für gebaute Projekte Preise und mediale Aufmerksamkeit erhalten zu haben. Nun wissen wir alle, dass das alles viel komplizierter ist, und dass es Ausnahmen gibt. Diejenigen zum Beispiel, die die Chance ergreifen, um Dinge in der Lehre anders anzugehen. Aber den Status-Quo bringen diese Ausnahmen leider nicht ins Wanken.
Und so wird fröhlich weitergebaut. Trotz Klimanotstand, trotz Wohnungsfrage und Gentrifizierung, trotz Rechtsruck, trotz Krisen, trotz Kriegen und Konflikten. Vielleicht ein bisschen grüner, vielleicht ein bisschen sozialer, hier und da, und definitiv rhetorisch klüger. Aber das Gros, der Mainstream hat keinen Kurswechsel erfahren, wenn überhaupt, nehme ich ihn angesichts der multiplen Krisen unserer Zeit als immer extremer wahr. Die Forderung einer "Bauwende" ist ein Beispiel hierfür. Es soll ein wenig anders gebaut werden, mehr mit Holz, nachhaltiger, ein bisschen mehr Umbau etc. Ein Teil des Problems wird hervorgehoben, um es zu lösen, während andere Problemstellungen dadurch nachrangig werden und das grundlegende Problem - die Bauindustrie und Immobilienwirtschaft –nicht etwa dezent beiseite geschoben sondern zum Partner erklärt.
Die Forderung nach einem BauENDE hingegen ist radikal und eröffnet wieder Denkräume und Perspektiven, die man sonst übersieht: die des Bestandes - die engen, aufgeheizten Wohnräume, die kommerzialisierten, überwachten Stadträume, die leeren Bürotürme, die Verdrängung und der Rassismus, die Frage der Verwaltung und der Planung. Also den bewohnten/genutzten Raum, in dem sich das Soziale, Politische, Gesellschaftliche, Ökonomische nicht vom Physischen Raum trennen lässt, so viel Uneindeutiges und Unerwartetes zu vermuten ist. Wo alles messy und kompliziert und anders wird, wenn wir uns ihm mit voller Aufmerksamkeit widmen würden.
Nun haben solche Erkenntnisse und Erfahrungen zunächst dazu geführt, dass ich keine Architektin im Sinne einer bauenden oder planenden Architektin geworden bin und mich noch heute eher als Aussenseiterin betrachte. Ich bin aber Architektin im Sinne der Gestaltung von Räumen. Wir haben als Teil eines breiten, gesellschaftlichen Kollektivs dafür gesorgt, dass nicht abgerissen wird, dass Räume und soziale Beziehungen nicht zerstört werden, um Platz zu machen für die Luftschlösser derjenigen, die mich und viele andere nicht als Teil der Praxis sehen möchten. Wir haben im Laufe des Protests einen Samen gepflanzt, einen Protestkiosk, der den Konflikt vor Ort sichtbar macht und langsam Teil des sozialen Gefüges wird. Ich zähle diesen Erfolg am Hermannplatz als eines der ersten architektonischen Projekte, an denen ich mitgearbeitet habe. Auch wenn es ein prekäres Projekt ist, das nie abgeschlossen sein kann. Auch wenn ich das Projekt irgendwann verlasse und andere Leute einsteigen. Es zeigt aber, dass ich architektonische Projekte nie als abgeschlossen ansehe und dass sie weniger mit Bauen als mit einer Gestaltung zu tun haben, die physische und soziale Räume nicht voneinander trennt und durch und durch politisch ist. Denn:
"There is no such thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives"
(Audre Lorde: "Learning from the 60s", in: Sister Outsider, New York, 1984, S.138)
Mit dem Zitat von Audre Lorde bin ich zuerst in aktivistischen Räumen in Berührung gekommen. Für mich hat es eine ganz besondere Bedeutung, weil es sich um eine Erkenntnis handelt, die von Wanderung geprägt ist und mich deswegen auf mehreren Ebenen erreicht und berührt hat. Ich verstehe nicht nur, was sie sagt(e), ich fühle es. Und nicht nur jetzt sondern schon immer und der Moment, indem ich das Zitat hörte, fand ich zum ersten Mal Worte für eine ganz spezifische Erfahrung. Die des Ausschlusses, aufgrund von Mehrfachzugehörigkeit, Komplexität und thematischen Verschränkungen, die die eigene Perspektive und Erfahrung ausmachen, während alles immer auf Reduktion, Klarheit und Eindeutigkeit pocht.
And we do not inhabit single-issue spaces.
Trennung, Reduktion, Eindeutigkeit, Klarheit - alles Paradigmen der Raumproduktion, die dazu führen, dass "single-issue spaces" entstehen. Doch wir leben nicht in monothematischen Räumen, weil wir keine monothematischen Leben führen. Und daher brauchen wir eine intersektionale Praxis und Forschung in der Architektur und Planung. Und der erste Schritt besteht in das Zusammenführen von all dem, was künstlich getrennt wird: sozialem und physischem Raum; Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit; ästhetische Form und gesellschaftliche/politische Praktiken; Gefühle und Vernunft und so weiter! Verweben, verkomplizieren, überlagern, in Beziehung setzen, politisieren ohne Gefühle und Unrechtsbewusstsein zu unterdrücken, wegzuschauen, sondern diese zentrieren und den Mythos der heiligen Architektur zu stürzen.